Die „Spitzensportler“ unter den Schülern/innen – die hörbeeinträchtigten Mitschüler/innen

 

 

In meiner Tätigkeit (im Team des überregionalen Sonderpädagogischen Zentrums für Hörbeeinträchtigte in Kärnten) höre ich immer wieder in Gesprächen mit vielen Lehrerkolleg/innen folgende Frage: „Was machen Sie hier, der Schüler/die Schülerin ist ja mit Hörgeräten bestens versorgt und somit löst sich Ihr Problem von selbst!“ – Gerade diese Frage veranlasst mich, in meinem Beitrag kurz einige Bereiche dieser Kommunikations- und Alltagsproblematik anzuschneiden.

 

1. Es handelt sich bei einem Hörbeeinträchtigten in den meisten Fällen um eine Schallempfindungs-schwerhörigkeit = irreversible Innen-ohrschwerhörigkeit. Das hat zur Folge, dass Laute verzerrt, zerstückelt oder gar nicht gehört werden. Der Begriff „Schwerhörigkeit“ müsste durch den Begriff: „Fehlhörigkeit“ (der tiefen oder hohen Frequenzen) ersetzt werden, da viele irrtümlich glauben, dass der Betroffene nur leiser hört. Er hört nicht leiser, sondern anders. Das Verstehen der Sprache ist nicht mehr möglich! Der/Die hörbeeinträchtigte Schüler/in hört, versteht aber vom Gehörten sehr wenig.

Wörter wie z.B. Raum, Baum, Saum, Zaun oder Schaum klingen für ein hörbeeinträchtigten Schüler mit nur einer geringen Wortunterscheidung mehr oder weniger gleich. Auch Selbstlaute können falsch verstanden werden, ein i wird als o, ein e als a gehört.

Der folgende Satz soll zeigen, wie ein hörbeeinträchtigter Schüler hört:

„Eid Pidister hartsig tsu eider fikdigen Konvelenz in eider Roosschnatt auf“.

 

2. Das Hörgerät ist kein „Verstehgerät“, sondern ein Verstärker, der nicht nur menschliche Sprache verstärkt, sondern auch störende Nebengeräusche. Somit ist das Verstehen der Sprache wiederum erschwert bis kaum möglich. Hörgeräte können die „Frequenzfehlhörigkeit“, d.h. den Ausfall bestimmter Frequenzen weder ausgleichen noch ersetzen, sondern lediglich die noch auditiv wahrnehmbaren Töne verstärken.

 

Meine Erfahrungen mit den hörbeeinträchtigten Schüler/innen wurden von Koll. Elke Bartlmä (selbst hochgradig hörbeeinträchtigt) mit Ihrer persönlichen Geschichte und Ihren  Schülererfahrungen bestätigt und ergänzt. Auf diesem Wege ein herzliches Dankeschön!

 

Wie es bei Normalhörenden begabte, durchschnittliche und schwache Schüler/innen gibt, so ist es auch bei hörbeeinträchtigten   Schüler/innen.

 

Der mathematische Bereich bereitet den hörbeeinträchtigten Schüler/innen keine allzu großen Schwierigkeiten, da 7 + 5 immer 12 ergibt; ebenso 3 x 8 gleich 24.

 

Komplexer und schwieriger wird der Bereich der literarischen Gegenstände (wie Deutsch undSachunterricht), da die deutsche Sprache sehr vielfältig ist, z.B. das Verb „gehen“: Personalformen: ich gehe, du gehst, er geht, sie geht, es geht, wir gehen, ihr geht, sie gehen;  Zeitformen: ich gehe – ging – bin gegangen – werde gehen; Wortfamilie gehen: waten, marschieren, humpeln, bummeln, stapfen,  .....

Im Sprachgebrauch: Wie geht es dir? Du gehst mir auf die Nerven. Die Uhr geht nicht. Die Mauer geht um die Stadt herum. Der Köchin ist das Mehl ausgegangen. Sie/Er geht mir nicht aus dem Kopf. Er geht mit Sonja.

 

Ein anderes Beispiel das Verb „spielen“ :

Der/Die hörbeeinträchtigte Schüler/in mit einer basocholeären Schwerhörigkeit (der Hochtonbereich) versteht nur: „iel“; sobald er „iel“ hört, muss er durch viel Üben wissen, dass dieses „iel“ „spielen“ bedeutet. Die frequenzhohe Konsonantenverbindung sp - und die Endungen ( „en“ bzw. „t“) hört er nicht – er muss es wissen!

Beim Beispielsatz konzentriere ich mich ausschließlich auf das  Wort „spielen“.

 

Der/Die Lehrer/in diktiert:

„Die Kinder spielen im Schulhof.“ – Denkleistung des hörbeeinträchtigten Kindes: Es muss wissen, dass „Die Kinder“ 3. P. Mz ist d.h. sie spielen.

Der/Die Lehrer/in diktiert weiter:

Ein Kind spielt mit dem Ball. Denkleistung: ein Kind = das Kind = 3. P. Ez: es spielt – Endung t

Zu bedenken ist auch, dass der /die hörbeeinträchtigte Schüler/in zwei Aktionen (hier Satz fertig schreiben und den Folgesatz hören) nicht durchführen kann. Daher hört er/sie  oft den Anfang des Satzes gar nicht! War jetzt „ein Kind“ oder „das Kind“?

 

Das Zuhören erfordert ständige Konzentration, kein beiläufiges Hinhören oder zufälliges Zuhören. Diese Konzentrationsanstrengung lässt die hörbeeinträchtigten Schüler/innen bereits nach einer Unterrichtsstunde ermüden, sodass sie keine weitere Kraft und Energie für die  folgenden „verbalen“ Unterrichtsstunden aufbringen können.

 

 

Bis der/die Schüler/in weiß, worum es in der Stunde geht – dauert es sehr lange. Bereits diese Unterrichtsphase bedeutet für das hörbeeinträchtigte Kind ein hohes Maß an Intelligenz, Kombinationsfähigkeit und Empathie gegenüber dem Lehrer/der Lehrerin.

 

Problemkreis der Begriffe:

 

Oberbegriff „Haus  -   Häuser“:

Unterbegriffe: Einfamilienhaus, Bauernhaus, Hochhaus, ...

Wortfeld „Haus“ – gibt bereits einen Hinweis für den Oberbegriff

aber z.B.:

Hütte, Almhütte, Bungalow, Appartement, Wolkenkratzer – diese Begriffe geben keinen Hinweis auf den Oberbegriff und sind für den hörbeeinträchtigten Schüler abstrakte Begriffe, die sehr zeitaufwendig -möglichst mit allen Sinnen - erarbeitet und gefestigt werden müssen.

 

Der Lehrinhalt wird schriftlich (Test) abgeprüft, aber nicht der gelernte Begriff „Haus“ wird abgefragt sondern:

Nenne einige Gebäude!

 

Den Begriff „Gebäude“ kennt der/die hörbeeinträchtigte Schüler/in nicht, er (der Begriff) wurde vielleicht am Rande mehrmals erwähnt, aber nicht bewusst besprochen und erklärt – daher ist diese Frage mit Gebäude für den/die Hörbeeinträchtigte/n neu – unbekannt - und die Frage wird nicht beantwortet. Mit der Fragestellung:

Nenne einige Häuser! wäre sie richtig beantwortet worden.

 

 

Häufige  Charakterisierung der hörbeeinträchtigten Schüler/innen durch Lehrerkolleg/innen:

Bockig, stur, faul bis stinkfaul, unwillig, passt nicht auf, lehnt den Lehrer ab, aggressiv, arbeitet nicht mit, ist ungeschickt, versteht mündliche Anweisungen nicht, „was er nicht hören soll, hört er (ergibt sich manchmal aus einer Zufälligkeit – ruhige Umgebung, Lehrer steht unmittelbar neben dem hörbeeinträchtigten Schüler, ahnt voraus, was passieren könnte, ....), aber das Wesentliche hört er nicht“ (woher soll er wissen, was wesentlich ist und was nicht?), er tut nur so, als würde er nichts hören (aus Bequemlichkeit, Faulheit, usw.)

 

Wie kommt es aber zu diesem Eindruck?

Wenn der/die hörbeeinträchtigte Schüler/in dem/der Lehrer/in oder dem/der Mitschüler/in etwas erzählt, soll der Blickkontakt gegeben sein. Schaut der/die Angesprochene weg, hat der/die Hörbeeinträchtigte das Gefühl, er/sie hört mir ja gar nicht zu! Bei Normalhörenden ist das kein Problem. Während der/die hörbeeinträchtigte Schüler/in erzählt, ermahnt der/die Lehrer/in plötzlich eine/n Mitschüler/in – auch so entsteht das Gefühl des/der Hörbeeinträchtigten: „Er/Sie interessiert sich nicht für mein Gesagtes!“

Die Kommunikation mit hörbeeinträchtigten Schülern/innen erfordert Geduld, Zeit und Empathie.

 

Die Frustrationstoleranz der hörbeeinträchtigten Schüler/innen ist aus ihren bisherigen Erfahrungen sehr groß. Sie erleben ständig den Frust (Gewöhnungseffekt aus Frustrations-erlebnissen), etwas zu überhören. Sie haben das Gefühl, es wird über sie gesprochen. Sie haben Angst, nicht an Gesprächen teilhaben zu können, da nicht alles verstanden wird.

 

Einsamkeit ist schlimm – aber die Einsamkeit mitten unter Menschen ist noch viel schlimmer – und gerade dieses Gefühl erfahren die hörbeeinträchtigten Schüler/innen ständig.

 

Nun zu einigen Gefühlszuständen der hörbeeinträchtigten Schüler/innen:

Sie melden sich nicht, weil sie die Reaktionen der Mitschüler/innen auf ihr Gesagtes nicht hören, jedoch fühlen, dass sich die Mitschüler/innen über sie bzw. das Gesagte lustig machen. Somit wird auch das wenige Selbstwertgefühl geraubt und der/die hörbeeinträchtigte Schüler/in verschließt sich immer mehr und bleibt schließlich ruhig und unauffällig!

  • Sie isolieren sich (z.B. in der Pause, da beim Essen die Kaubewegungen so laut sind, dass die Gespräche nicht verstanden werden können,– harte Nahrungsmittel wie Äpfel, Karotten, usw. erzeugen beim Kauen störende Nebengeräusche).

 

  • Das ständige Gefühl der Unzulänglichkeit (z.B. ständig die Enttäuschung, übermäßig viel zu lernen und doch nur eine negative bis mittelmäßige Prüfungsleistung zu erreichen).

  • Das Bewusstsein, die Mitschüler/innen weniger lernen (sie spielen bereits am Nachmittag draußen und ich muss noch lernen, lernen, lernen, ...) ihre Leistungen jedoch besser sind, wird oft als unfair empfunden.

  • Fehler: Hörbeeinträchtigte Schüler/innen sind gewohnt, immer irgendwo Fehler zu machen – und erleben sich nach vielen Jahren selbst als Fehler!

  • Aus Fehlern zu lernen gilt gerade in dieser Bewusstseinsphase als sehr problematisch: – „Ma, schon wieder falsch, alles was ich mache ist falsch!“ denken sie sich.  Hörbeeinträchtigte Schüler/innen erkennen Fehler schon an Mimik, Gestik und Stimmung des Lehrers/der Lehrerin. Dieses Gefühl, ständig ausgebessert (auch positiv gemeint) zu werden, hinterlässt natürlich Spuren in der Persönlichkeitsentwicklung. Sogar die Aufmunterung  „Das ist kein Problem“ (das Wort Problem ist bereits negativ besetzt) wird auch wieder als ein Problem aufgefasst. (Unterbewusstsein: Denk nicht an einen roten Elefanten!!!)

 

  • Hörbeeinträchtigte Schüler/innen werden als „Idioten“ hingestellt -  jeder/jede Betroffene geht damit individuell um: Zurückziehen bis hin zum Verstecken, Kasperl spielen, selbstbewusst auftreten, aggressiv werden, abblocken, ...

 

  • Die hörbeeinträchtigten Schüler/innen erleben ständig  eine unbewusste Bedrohung bzw. Überraschungssituation, da sie Geräusche von hinten nicht wahrnehmen können. Sie erschrecken sehr und das hat zur Folge, dass sie reflexartig ausschlagen und somit wieder als aggressiv und jähzornig erlebt werden.

 

Weiters ist zu beobachten, dass es hörbeeinträchtigte Schüler/innen schwer haben, Freunde zu finden. Oft „erkaufen“ sie sich die Freundschaft und müssen schmerzhaft erfahren, dass die gekauften Freunde keine wirklichen Freunde sind. Haben sie einen Freund oder eine Freundin, so fixieren sie sich so sehr auf diese Beziehung, dass diese nicht lange hält und sie wieder eine negative Lebenserfahrung durchmachen.

 

Den hörbeeinträchtigten Schüler/innen wird nichts bzw. wenig zugetraut. Sie werden mit Hinweisen: „Das verstehst/kannst du noch nicht!“ vor selbständigen Entscheidungen bewahrt und kommen sich oft nutzlos vor.

Sie sind auch in ihrer Berufswahl eingeschränkt, (Buben freuen sich auf das Bundesheer – sind aufgrund ihrer Hörbeeinträchtigung aber untauglich; - Mädchen wollen Verkäuferin werden – viele Kommunikationsberufe sind ihnen größtenteils verwehrt!!)

 

Abschließend möchte ich noch feststellen, dass es mich wundert, dass hörbeeinträchtigte Schüler/innen seltenSchulverweigerer sind. Man muss sich vorstellen, sie lernen, lernen und lernen und werden mit negativen oder schlechten Noten für ihre Mühen „belohnt“. Beurteilt wird nämlich nach den Fehlern, und nicht nach der Denkleistung und der Kombinations-fähigkeit. Würden sie nichts lernen, wäre das Ergebnis dasselbe. Wie würden Sie sich nach so vielen schulischen Negativleistungen entscheiden?

Deshalb erscheint mir der Vergleich mit dem Spitzensport als durchaus gerechtfertigt.

 

Im Namen des SPZ-Teams für Hörbeeinträchtigte in Kärnten möchte ich mich bei allen Eltern für ihre Mitarbeit und bei den Kolleg/innen für ihr Engagement und ihre Bemühungen zum Wohle unserer anvertrauten hörbeeinträchtigten Schüler/innen bedanken.

Ich stehe Ihnen – als selbst betroffener Hörbeeinträchtigter -  gerne für weitere Fragen zu diesem Thema  zur Verfügung:

 

 

PS: Der Satz heißt: „Ein Minister hält sich zu einer wichtigen Konferenz in einer Großstadt auf.“

 


 

Die Spitzensportler.doc
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